Montag, 12. September 2011

Darf es ein bisserl mehr sein...?

Wenn man im Berufsalltag so viel mit anderen Menschen zu tun hat, dann entwickelt man eine Art 6. Sinn und eine recht gute Menschenkenntnis (die sich dann zwar im Privatleben meist nicht blicken läßt, aber im Beruf ein untrügerisches Gespür dafür bringt, wer Ärger bringen wird).
Jetzt ist es ja so...
Niemand ist völlig frei von Vorurteilen - wenn man aber, so wie ich, im sozialen und/oder medizinischen Bereich tätig ist, dann versucht man seine Vorurteile nicht in den Arbeitsalltag mitzunehmen, und jedem Menschen gleich zu begegnen (im Besten fall neutral, aber freundlich).
Trotzdem hatte ich sofort ein richtig mieses Gefühl, als gegen Ende der vergangenen Woche ein Mann bei mir im Büro auftauchte.

Eine Kollegin von der Station hatte mich angerufen und "vorgewarnt", dass sie ihn mir schickt. Ich wußte also schon vor seiner Ankunft folgende Dinge.
  • Er spricht so gut wie gar nicht Deutsch
  • Englisch auch nicht
  • Er steht unter dem Einfluß irgendwelcher Substanzen - ob verschrieben, oder nicht, das sei dahingestellt.
  • Das bedeutet er ist arg verlangsamt, redet leicht wirr (für unsere Begriffe) und reagier latent aggressiv, wenn man ihn nicht versteht.
Meine Freude  über den angekündigten Besuch war also grenzenlos.
Und dann war er da.
Daß er mal eben in mein Büro stürmte, obwohl ich gerade mit einem Patienten telefoniert habe (natürlich ohne anzuklopfen), das übersah ich gefließendlich. Daß er sich unaufgefordert einen Stuhl nimmt und sich erstmal mitten ins Büro plaziert... auch keine Art, aber bitte.
Habe ihn nach meinem Telefonat trotz allem wirklich freundlich begrüßt und habe dann in einem Gespräch, das beinahe 40 Minuten gedauert hat, versucht herauszufinden, was er eigentlich will. Denn DAS konnte mir die Kollegin leider nicht sagen.

Das Gespräch gestaltete sich überaus schwierig, denn wie bereits erwähnt, war die Sprachbarriere sehr groß. Aber ich hatte dann doch recht bald herausgefunden, daß von unserem Primararzt untersucht werden will. Gut, dann muß er sich einen Termin in dessen Ordination vereinbaren, denn unser Primar hat keine Ambulanzstunden bei uns im Haus, er steht im OP, besucht seine operierten Patienten zur Visite und sonst ist er in der Ordination anzutreffen.
Das versuche ich ihm zu erklären, woraufhin mit der Mann sagt, daß er keine Versicherung besitzt. Er erzählt mir aber auch im Verlauf des Gespräches mindestens 5x, daß er irgend eine Enzugstherapie macht, und auch das Wort Abschiebung steht mit einem Mal im Raum.
Was bitte mache ich mit diesem Mann?

Also prinzipiell kann sich jeder einen Termin in der Primarordination vereinbaren - privat oder über die Gebietskrankenkasse. Ob oder wie das mit nicht versicherten Menschen aussieht, weiß ich nicht. Ich habe mit der Ordination, die in einem anderen Bundesland liegt ja an sich überhaupt nichts zu tun.
Es stellt sich heraus, daß er den Namen des Abteilungsleiters aus der Zeitung hat. Und zahlen kann er ja nichts.
Ich biete ihm also an, daß er in die Ambulanz geht, und dort mit den Kolleginnen spricht. Ich weiß, daß es eine Möglichkeit gibt in der Ambulanz einen Termin auch ohne Versicherung zu bekommen, wie der genau Ablauf da aber aussieht das weiß ich nicht - weil ich mit der Ambulanz ungefährt genau so viel zu tun habe, wie mit der Ordination.
Ich gebe ihm auf Wunsch eine Visitenkarte von der Ordination und sage ihm zusätzlich, wo die Ambulanz ist.
Bisher war es anstrengend... aber im Rahmen des normalen Alltags. Jetzt aber wird es richtig nervtötend.

Er meint dann plötzlich ob er am Samstag oder Sonntag in die Ambulanz oder in die Ordination kommen könnte, weil er ja unter der Woche in der Entzugstherapie ist (hm, warum sitzt er dann unter der Woche am frühen Nachmittag in meinem Zimmer?). Freundlich aber bestimmt erkläre ich ihm also daß die Ambulanz nur unter der Woche geöffnet ist (wie auch die Ordination), und daß er sich wohl an die vorhandenen Termine halten muß.
Daß nun wieder die Rede auf Abschiebung und so kommt, macht mich stutzig - aber ich übergehe das einfach. Bin aber heilfroh, als er endlich seine Sachen packt und mein Zimmer verläßt, um in Richtung Ambulanz aufzubrechen.

Kaum ist er weg, rufe ich in der Ambulanz an, und warne die Kolleginnen dort vor. Soll heißen ich erzähle kurz um was es geht, und daß der gute Mann einfach einen Ambulanztermin benötigt, das Hauptproblem neben der Sprachbarrieren die nicht vorhandene Versicherung ist. Die Kollegin ist dann informiert und verspricht sich darum zu kümmern.  Für mich war diese Sache damit erledigt...

...Bis heute.
Heute steht der gute Mann am späteren Nachmittag plötzlich wieder bei mir im Zimmer. Natürlich wieder ohne Anklopfen, wieder arg verlangsamt und mir irgendwie unheimlich. Zum ersten Mal in 7 Jahren wünsche ich mir eine Barriere zwischen den Patienten und mir - gibt es aber nicht, weshalb der gute Mann mir sehr unangenehm nahetritt.
Er erklärt mir mit Händen und Füssen, daß er einen Ambulanztermin im Oktober bekommen hat, und von den Kolleginnen für eine Untersuchung in ein anderes Krankenhaus geschickt worden ist, dort hat man ihn aber ohne die Untersuchung zu machen weggeschickt.
Ich frage mich (und ihn), was ich jetzt für ihn tun kann - ich habe ihn ja nicht in ein anderes Krankenhaus geschickt, und habe von daher auch keine Ahnung warum das gemacht wurde. Noch weniger weiß ich wohin er sich sonst wegen der angeblich nötigen Untersuchung wenden kann. Wieder wird die nicht vorhandene Versicherung und die Entzugstherapie thematisiert...
Mir kommt das ja komisch vor. Warum soll er eine Untersuchung machen lassen, noch bevor er bei einem Arzt war? Noch dazu eine, die normalerweise von der Krankenkasse bewilligt werden muß, weil sie sehr teuer ist und nur auf Indikation freigegeben wird (die logischerweise ein Arzt stellt).
Ich erkläre ihm, daß er das mit der Ambulanz abklären muß - wenn die Leitstelle ihn irgendwo hinschickt, dann haben die vielleicht auch Ersatzadressen.  Das versteht er nicht. (Oder will es nicht verstehen, was ich eher glaube).
Ich frage mal vorsichtig nach, wie er zu seinem Entzugstherapieplatz gekommen ist - über das Sozialamt. Gut, dann kann er ja dort nachfragen, wo er die geforderte Untersuchung machen lassen kann. Und plötzlich spricht der gute Mann perfekt Deutsch.
Schimpft über die Sozialarbeiter, die ja alles andere als sozial sind. Darüber, daß in Österreich niemand helfen will, und so weiter und so fort.

Ich beschließe das abzubrechen  - immerhin hält mich dieser Mann jetzt bereits über 30 Minuten von meiner Arbeit ab, das Gespräch dreht sich im Kreis, und ich kann ihm ohnehin nicht weiterhelfen. Also stehe ich von meinem Platz auf (habe in einem Kurs gelernt, daß das helfen soll mehr Präsenz zu zeigen, weil man auf Augenhöhe mit dem Patienten ist) und erkläre ihm noch einmal mit Nachdruck, daß er dieses Problem dort besprechen muß, wo die Untersuchung eingefordert wurde - also in der Ambulanz.
Und tatsächlich geht er.

Aber nicht etwa in die Ambulanz, wie ich zufällig mitbekomme, als ich direkt hinter ihm das Büro verlasse und es absperre, weil ich einen Befund faxen muß. Nein, der gute Mann verläßt recht eilig durch den Hinterausgang, der eigentlich nicht für Patienten gedacht ist, das Haus.

Etwa 2 Stunden später - weil ich ja eh nichts anderes zu tun habe - kommt die vorgesetzte der Ambulanz zu mir und befragt mich zu dem Patienten. Und nach meiner eigentlichen Dienstzeit hatte ich noch die Assistentin der Geschäftsleitung bei mir im Zimmer um nochmal über diesen Patienten befragt zu werden. Das andere Krankenhaus ist nämlich an uns herangetreten und wollte wissen, warum wir den Patienten geschickt haben.
Wie sich herausgestellt hat, hat ihn aber eigentlich niemand geschickt - weil wir bereits gesagt, er war ja noch nicht beim Arzt.
Und nun liegt der Verdacht nahe, daß der gute Mann aufgrund des ähnlichen Namens der beiden Häuser davon ausgegangen ist, daß wir zusammengehören und daß er sich eine sauteure Untersuchung erschleichen kann, wenn er dort sagt, daß wir ihn geschickt hätten.

Super.
Ein Mann, keine Versicherung, große Vorstellungen und insgesamt nunmehr 12 Personen, die ihre reguläre Arbeit liegen lassen mußten, um Detektiv zu spielen. Aber große Vorsicht ist geboten - denn sonst heißt es gleich wieder, " Zweiklassenmedizin" , "Ausländerfeindlichkeit" usw. Denn das war offensichtlich ein schlagendes Argument seinerseit in der Ambulanz, als ihm die Wartezeit auf seinen Termin arg lang erschien. (Daß alle anderen Patienten ebenfalls warten müssen, das ist ihm ja egal...)

Es gibt Tage, da möchte man einfach nur ganz laut Schreien!

Montag, 29. August 2011

Die Sache mit den Hausbesuchen...

Liebe Patienten, Angehörige und sonstige Personen, die sich gerne mal telefonisch zu mir ins Büro verirren!

Ich sage das jetzt echt nicht gerne...
Aber einige von ihnen scheinen eine etwas... ähm, ja, also nennen wir es mal "eigene" Vorstellung davon zu haben, welche Aufgabenbereiche die eines Krankenhausarztes sind.

Krankenhausärzte sind uneingeschränkt ihm Rahmen ihrer Tätigkeitsbereiche krankenhausintern für sie da. Sie betreuen sie in den krankenhauseigenen Ambulanzen und auf den Stationen. Wenn nötig, dann werden jene Ärzte die chirurgisch arbeiten, sie im Krankenhaus operieren. Sie sorgen für eine optimale Nachsorge nach Operationen im Rahmen von Kontrolluntersuchungen und stehen in Normalfall bei dringenden Fragen bzgl. Medikamenteneinnahme, Schmerzen etc. auch mal telefonisch für sie zur Verfügung.
(Zugegeben, dazu braucht es manchmal ein paar Anläufe, denn im OP kann nicht telefoniert werden... aber trotzdem)

Neben den "offensichtlichen" Tätigkeiten, wie eben Behandlung und Operation von Patienten, Visite auf der Station usw. leisten Krankenhausärzte oftmal auch administrative Tätigkeiten im kleineren Rahmen und sind zum Teil auch in Planunsprozesse involviert, wie z.B. OP-Planung, aber auch in Studienarbeiten, um etwa die Effektivität von Behandlungsmethoden zu dokumentieren.

Und wie bereits erwähnt...
Im Rahmen dieser Möglichkeiten werden Krankenhausärzte gerne für sie da sein, und sich um ihre Belange kümmern.

Was aber gar nicht geht, selbst dann nicht wenn sie jede Woche mindestens zweimal anrufen - sind Hausbesuche durch Krankenhausärzte. (Hausbesuche machen meist nur praktische Ärzte im niedergelassenen Bereich - Hausärzte eben).

Ein Krankenhausarzt kommt nicht zu ihnen nach Hause. Er darf/kann während seiner Dienstzeit das Krankenhaus nicht verlassen. Nach Ende seiner Dienstzeit, ist er entweder in seiner Ordination zu finden (so er eine hat) und betreut dort seine Patienten, oder aber er hat keine Ordination, dann kann er nicht zu ihnen auf einen Hausbesuch kommen, weil die Behandlung rechtlich unzulässig wäre.

Wenn sie von Krankenhausärzten betreut werden wollen, dann bleibt ihnen nur der Weg in die Ambulanz - zu den üblichen Ambulanzzeiten und unter Einhaltung der Gegebenheiten (Terminvergabe, Zuweisung vom Facharzt etc). Dort werden sie betreut - können sich aber im Regelfall den Arzt nicht aussuchen.

Wollen sie zu einem bestimmten Arzt, dann sollten sie sich erst erkundigen, ob er eine Ordination hat - und diese gegebenenfalls aufsuchen.

Geht es ihnen aber so schlecht, daß sie das Bett nicht verlassen können, und sollten sie das Gefühl haben jetzt gleich Hilfe zu benötigen...

Dann sollten sie nicht in der Weltgeschichte herumtelefonieren und darauf hoffen, dass ein Arzt aus einem Krankenhaus mal eben vorbeischaut,  sondern die Rettung rufen und sich in das nächste aufnahmebereite Krankenhaus zur Akutversorung bringen lassen.

(Ich bin immer wieder auf´s Neue fasziniert davon, wie manche Leute sich das Leben so vorstellen...)

Und aus aktuellem Anlass - weil ich nämlich ein solches Telefonat heute führen durfte/mußte und der Mensch am anderen Ende der Leitung mich tatsächlich gefragt hat, welche Nummer er wählen muß, um die Rettung zu rufen...

Ich bin hier in Österreich. Wie die meisten meiner Anrufer. Und unseren Kindern wird schon im Kindergarten ein Sprüchlein beigebracht, welches die Notrufnummern beinhaltet:
Also, hier bitte die wichtigsten 3 Notrufnummern:
  • 122 (Eins Zwo Zwo) Brennt es wo? (Feuerwehr)
  • 133 (Eins Drei Drei) Polizei (selbsterklärend)
  • 144 (Eins Vier Vier) Helf ich dir... (Rettung)

Montag, 8. August 2011

Man kann es auch übertreiben...

Telefonat gerade eben:
(Nur so zur Info - von Patientenseite aus, wurde das Gespräch in der Lautstärke eines abhebenden Düsenjets geführt, und in äußerst unfreundlichem Tonfall - DAS liebe ich ja am Montagmorgen noch vor dem ersten Kaffee besonders!)
Patient: "Eine Frechheit ist das, ich versuche seit Stunden sie zu erreichen - und nie geht jemand an das Telefon!"

Ich: "Das Büro ist seit 7:30 besetzt, und am Montag Morgen rufen leider viele Patienten an, da kommt es immer wieder zu einer gewissen Wartezeit. "

Patient: "Ich versuche seit 4 Uhr morgens bei ihnen durch zu kommen, aber da geht nie jemand ran."

Ich: "Weil um diese Uhrzeit das Büro geschlossen ist! Aber jetzt haben sie mich ja erreicht, was kann ich für sie tun? "

Patient: "Ich wollte nur nachfragen, ob meine OP-Anmeldung für Frühling 2012 schon bekannt ist."
Ich: o.O
 
Nicht böse sein... aber:
Welcher normale Mensch kommt auf die Idee, mal eben um 4 Uhr morgens in einem Büro anzurufen? Welche Büros sind um die Zeit normalerweise erreichbar?
 
Und wenn man auf diese Schnapsidee kommt, und dann dort offensichtlich niemand ans Telefon geht... wie langweilig muß jemandem sein, daß er dann alle paar Minuten erneut die Nummer anruft?
 
Besonders, wenn es - und das wiederhole ich gerne nochmal, weil ich es selbst kaum glauben konnte, darum geht, daß man lediglich nachfragen will, ob die Anmeldung für kommendes Jahr bereits erfolgt ist.
Man kann wirklich alles übertreiben...